Mi, 6. April 2022, 19:00 Uhr

Melanchthon-Villa, Königsallee 48, 44778 Bochum

Dr. Rudolf Tschirbs und Martin Röttger

FilmForum: Mütter und Söhne
Einführung, Film und Gespräch

Einführung in die Filmreihe:
Die Weltliteratur ist bevölkert von Mutter-Sohn-Beziehungen. Oft haftet ihnen etwas Kränkelndes an: Erziehungsmisserfolge, Entfremdungen. Eva mit Kain und Abel, Rebekka mit Jakob, Maria und Jesus, Iokaste und Ödipus, Klytemnästra und Orest, Herzeloyde mit Parzival. Im „Grünen Heinrich“ Gottfried Kellers schlug sich, literarisch gültig, eine weitere starke Mutter-Sohn-Bindung nieder.
Dagegen ist von Hegel der Satz überliefert: „Die Mutter ist der Genius des Kindes“. Explizit stellte das Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ dar, Beethoven erinnerte sich einer warmen Mutter-Bindung. Die Sozialgeschichte gestattete sich ein humanwissenschaftliches Experiment: Anlässlich der größten europäischen Arbeitskatastrophe im März 1906 im nordfranzösischen Courriéres, bei dem 1.100 Bergleute zu Tode kamen, untersuchte ein Schweizer Psychiater das Trauerverhalten der zurückgebliebenen Ehefrauen und Mütter. Die Ehemänner waren nach Wochen vergessen, die Söhne wurden lebenslang beweint.
Grundsätzlich aber gilt: Weder in der Literatur- noch in der Filmgeschichte ist die Mutter-Sohn-Beziehung allzu häufig das Hauptstück, eignet sie sich doch allenfalls als Vorgeschichte des erwachsenen Helden-Epos. Es ist aber nicht zufällig, dass sich im Künstler-Drama der Heros der Mutter erinnert, von der gerade die musischen Impulse ausgehen mochten. Und wie soll die Rolle des erwachsenen Sohnes definiert werden, im lebensgeschichtlichen Versuchsraum, in dem die Ehe der Eltern zerbricht? Welche Last will da getragen sein, wenn das schon längst vom Ehegatten auf das heranwachsende Kind projizierte Liebes- und Zärtlichkeitsbestreben sich als Fessel erweist, den Sohn in ein schier auswegloses Dilemma treibt, in einem Kampf, dessen Ziel allein das Rechtbehalten scheint?
 
Zweiter Film:
Wer ... (Hope ...)
Regie: William Nicholson
GB 2019, 110 min.
Mit: Annette Bening, Bill Nighy, Josh O´Connor
Musik: Alex Heffes
 
Nach 29 Jahren Ehe zwischen Edward und Grace ist das Familienhaus zu einem Kerker der Gefühle geworden. Das Paar lebt nebeneinander her, Gefühlsausbrüche von Grace schlagen in Aggressivität um. Die Leidenschaften sind ausgelagert: Der Geschichtslehrer Edward macht die überlieferten Erinnerungen napoleonischer Offiziere beim Rückzug aus Moskau zum ethischen Gedankenexperiment für seine Schüler, während Grace die Edition eines Gedichtbandes vorbereitet. Edwards Rückzug aus der Ehe, die Flucht zu einer Geliebten, wird auf den Tag des Besuchs des erwachsenen Sohnes terminiert. Soll dieser die seelischen Bruchstücke aufsammeln?
 
 
 
 
Kosten
Der Eintritt ist frei.
Termine06.04.2022 19:00 - 21:45 Uhr