Di, 24. August 2021, 18:00 Uhr

Evangelische Stadtakademie Bochum Westring 26 c, 44787 Bochum

Prof. Dr. Günter Brakelmann und Prof. Dr. Bernd Faulenbach

150 Jahre Reichsgründung - Perspektiven
Ein Vortragsabend mit zwei Beiträgen und Diskussion

18:00 Uhr - 19:15 Vortrag und Diskussion - Dr. BerndFaulenbach: Die Reichsgründung 1870/71 als positiver und negativer Bezugspunkt deutschen historisch-politischen Denkens
 
19:15 - 19:45 Pause mit kleinem Empfang
 
19:45 - 21:00 Vortrag und Diskussion - Dr. Günter Brakelmann: Das Urteil des Protestantismus zur Reichsgründung 1870/71
 
Die Reichsgründung 1870/71 als positiver und negativer Bezugspunkt deutschen historisch-politischen Denkens
Die Reichsgründung 1870/71 galt lange Zeit der großen Mehrheit in Deutschland als ein unvergleichlicher Fortschritt der deutschen Geschichte; das Reich bildete für sie den dauerhaften Bezugsrahmen des deutschen Selbstverständnisses. Diese historisch erklärbare Haltung darf jedoch die zu Recht erörterten Ambivalenzen der Entscheidungen der Reichsgründungsjahre, die Widersprüchlichkeit der Struktur des Reiches und die problematischen langfristigen Folgewirkungen in der deutschen Geschichte nicht ausblenden. Ausgehend von dem zeitgenössischen Geschehen und seiner Resonanz sollen hier beleuchtet werden: die Relevanz für die Nationalstaatsfrage der Deutschen und Mitteleuropas, die Prägung von Nationalbewusstsein und Nationalismus, die Besonderheiten der Verfassung, die Rolle der alten Eliten, die weiteren Konsequenzen für Demokratisierung und die Modernisierung der deutschen Gesellschaft. So mag man auch fragen, in welchem Verhältnis wir retrospektiv Reichsgründung und Kaiserreich zum Ersten Weltkrieg, zur Revolution 1918/19, zu NS-Zeit und Holocaust und zum gegenwärtigen Deutschland und Europa sehen sollten.
 
Das Urteil des Protestantismus zur Reichsgründung 1870/71
Für den überwiegenden Teil des zeitgenössischen Protestantismus war die Kaiserkrönung am 18. Januar 1871 die geschichtliche Erfüllung der Wege Gottes mit dem deutschen Volk. Der König als summus episcopus der altpreußischen Landeskirche gibt einen Erlass über einen außerordentlichen allgemeinen Bettag heraus, in dem er die Schuldlosigkeit an dem Krieg mit Frankreiche betont und seine Untertanen auffordert, die notwendigen Opfer für das Vaterland zu bringen. Die meisten Kriegspredigten und kirchlichen Verlautbarungen liegen voll auf der Linie des königlichen Erlasses. Aber in ihnen wird zusätzlich eine geschichtstheologische Sicht verbreitet, die bald zum Selbstverständnis des Zweiten Deutschen Reiches gehört: die Niederlage Frankreiches ist nicht nur ein Gottesurteil über das französische politische System, sondern gleichzeitig ein Urteil über den römischen Katholizismus. Innenpolitisch bestätigt der Weltwille Gottes die Ordnung der deutschen Monarchie gegen Liberalismus, Demokratie und Sozialismus. Die Kirche interpretiert den Krieg, der auch zum weltanschaulichen Krieg stilisiert wurde, so, wie es der Evangelische Oberkirchenrat tat, der eine Behörde des summus episcopus war. Die Ehe von "Thron und Altar" wurde noch enger als zuvor.
Zur Vorbereitung dieses Vortrags empfehlen wir: Günter Brakelmann: "Deutscher Protestantismus in den Kriegen 1870/71 und 1914—1918." Sechs Einblicke, S. 9 – 43. Diesen Aufsatz finden Sie zum zweiten Halbjahr in der Mediathek zu dieser Veranstaltung.
Prof. Dr. Bernd Faulenbach, Jahrgang 1943, Zeithistoriker an der Ruhr-Universität, zahlreiche Funktionen in Grenzbereichen von Wissenschaft und Politik sowie in Institutionen der Erinnerungskultur. Arbeitsgebiete: Grundfragen der deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts (Sonderwegsdiskussion), Geschichte der Weimarer Republik, der NS-Zeit, der beiden deutschen Staaten sowie der deutschen und europäischen Erinnerungskultur. Mitherausgeber der Dokumente zur Deutschlandpolitik (des Bundesarchivs) und des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung.
 
Prof. Dr. Günter Brakelmann befasst sich seit Jahrzehnten mit dem deutschen Widerstand. Zahlreiche Veröffentlichungen liegen vor. Dabei fragt er sich immer wieder, warum die Evangelische Kirche außer persönlichen Ausnahmen kaum Widerstand gegen die Innen- und Außenpolitik Hitlers geleistet hat. In letzter Zeit hat er danach gefragt, wie sich Gemeinden, ihre Pfarrer und Presbyterien in den alliierten Flächenbombardements verhalten haben
Kosten7,- €, erm. 5.00 €
Der Eintrittspreis umfasst beide Vorträge und den kleinen Empfang.
Termine24.08.2021 18:00 - 21:00 Uhr